2.1.2.2 Naiver Empirismus9
Begründer:
 David Hume
 Auguste Comté
 von John Stuart Mill und Herbert Spencer aufgegriffen und ausgebaut (englischer Positivismus)
Comté, der als Begründer der Soziologie gilt, forderte vom Gegebenen auszugehen. Nach seiner Auffassung im "Dreistadiengesetz" durchlaufen Wissenschaft und Indivi-duum 3 Stadien:
1. theologisch, fiktiv
 Verwendung von theologischen oder fiktiven Denk- und Erklärungsmuster (Kindesalter / Entwicklung des Denkens – Deutung mit übernatürlichen Kräften)
2. metaphysisch, abstrakt
 geistiger Reifungsprozess des Menschen / Ursachen des Weltgeschehens wurden nicht mehr übernatürli-chen Wesen zugeordnet, sondern abstrakten, inner-weltlichen Kräften
3. wissenschaftlich, positivistisch
 sachgerechte, kritische Denkhaltung (positiver Geist) / Überwindung des metaphysischen und religiösen Aberglaubens und Erreichung des wissenschaftlichen Denkens
Im engl. Positivismus wurden diese Thesen durch Mill und Spencer weiter ausgebaut. Diese englische Richtung des Positivismus wird als „naiver Empirismus“ bezeichnet
Position des naiven Empirismus (Induktivismus)
→ Wissenschaft ist aus der Erfahrung abgeleitete Erkennt-nis
(Erfahrung, z.B. Sehen, Hören = primäre Erkenntnis-quelle)
→ Wissenschaftliche Erkenntnis beruht im Wesentlichen auf Induktion:
Naturgesetze können durch genaue Beobachtung und Experiment „entdeckt“, der Natur „abgelauscht werden.
→ Vom Gegebenen/dem Tatsächlichen (also dem Positi-ven) ausgehend (= Frage nach "Hintergrund" als wissen-schaftlich unergiebig)

Ziele und Vorgehen der naiven Empiristen oder Wie kommt der Naive Empirismus zu wissenschaftlichen Theorien?
Gewinnung wahrer Erkenntnisse über die Natur mit induktiver Beweisführung:
Die über Beobachtung und Experiment
gewonnene Ergebnisse
werden auf das Gesamte
als "Naturgesetz"
generalisiert.
1) Prämissen (P)
 P1 Wissenschaft beginnt mit Beobachtung, die auf sinnlicher Erfahrung basiert
 P2 Aussagen über die Welt sind wahr und begründet, wenn ein unvoreingenomme-ner Beobachter seine Sinnesorgane benutzt und gewissenhaft berichtet, was er sieht, hört etc.
2) Beobachtungsaussagen (Grundlage von Theorien/Gesetzen)
 Am 18. Mai 2010 ging in Hagen um 21:12 Uhr die Sonne unter.
 Herr Renner hat sich in der Online-Vorlesung am 19.5.2010 fünfmal mit der rechten Hand an die Nase gefasst.
 Das Wasser in diesem Topf verdampft bei 100 Grad.
Das sind Einzelaussagen: Bestimmtes Ereignis, bestimmter Ort, bestimmte Zeit
3) Einzelaussagen vs. allgemeine Sätze
 Die Sonne geht an jedem Ort der Erde zu einem bestimmten Zeitpunkt unter
 Beim Halten einer Vorlesung zeigen Dozenten Verlegenheitsgesten (z.B. an die Nase fassen)
 Wasser verdampft bei 100 Grad.
Das sind allgemeine Sätze: Alle Ereignisse einer bestimmten Art, an allen Orten zu al-len Zeiten.
4) Wie erfolgt nun der Übergang von einzelnen Beobachtungsaussagen zu diesen allgemeinen Sätzen?
Bei Vorliegen bestimmter Bedingungen kann von einzelnen Beobachtungsaussagen auf allgemeine Sätze geschlussfolgert werden
Bedingungen (B) für Verallgemeinerungen aus einzelnen Beobachtungen (= induk-tives Schließen, Chalmers, 1989, S. 10)
 B1 Verallgemeinerungen müssen auf einer großen Anzahl von Beobachtungsaussa-gen beruhen.
 B2 Die Beobachtungen müssen unter einer großen Vielfalt von Bedingungen wieder-holt worden sein.
 B3 Keine Beobachtungsaussage darf im Widerspruch zu dem entsprechenden all-gemeinen Gesetz stehen.
Induktionsprinzip:
„Wenn eine große Anzahl von A’s unter einer großen Vielfalt von Bedingungen beobachtet wird, und wenn alle diese beobachteten A’s ohne Ausnahme die Eigenschaft B aufweisen, dann weisen alle A’s die Eigenschaft B auf.“

Kritik am Naiven Empirismus
Zusammenfassung
 Sowohl die Prämissen P1 und P2, als auch die Verallgemeinerungsbedingungen, B1, B2 und B3 des (naiven) Induktivismus sind falsch bzw. problematisch!
 P1: Wissenschaft beginnt nicht Beobachtung, sondern mit Theorie
 P2: Beobachtungen, die auf sinnlicher Erfahrung beruhen, sind keine sichere Basis für Erkenntnis
 B1: Die Forderung nach einer möglichst großen Anzahl von Beobachtungsaussagen ist vage und zweifelhaft
 B2: Die Forderung nach einer möglichst großen Bedingungsvariation der Beobach-tungen ist ebenfalls vage
 B3: Die Forderung, nach der keine Beobachtungsaussage im Widerspruch zu einem allgemeinen Satz stehen darf, ist unhaltbar. Das damit verbundene Induktionsprinzip lässt sich weder logisch noch erfahrungsbedingt begründen.